Wir lebten in Hamburg

Mein Vater ist 2003 gestorben.

Wahrscheinlich wird mir nur ein Therapeut erklären können, warum dieser Tag, einer meiner schönsten war.

Ich habe es satt, dass man um Kindesmisshandlung einen Bogen macht, dass man diese Menschen nicht anklagt.
Dies ist in meinem Fall ja leider nicht mehr möglich, immerhin bin ich mittlerweile 49 Jahre alt.
Deshalb klage ich es nun zumindest hier an.

Es war furchtbar unter ihnen aufzuwachsen.
Keine Liebe, nichts warmes, kein Gefühl der Geborgenheit, nichts, nichts als Kälte und Angst.
Später mehr!

Montag 13. Dezember 2010

Die Nächte waren die schlimmsten.
Hatte mein Vater doch dafür gesorgt, dass ich nichts als Angst im dunkel hatte. Wenn der Fernsehturm nachts durch das Fenster leuchtete, war es nicht wirklich dunkel und es gab eine menge Schatten, die ich nicht ertrug.
Nicht einmal zur Toilette konnte ich gehen, obwohl diese direkt an mein Zimmer anschloss. Ich musste nur ein paar Schritte gehen, aber es war nicht möglich.
Ich hatte immer ein Gefäß bei mir, dass ich im sitzen, auf meinem Bett hinein Urinieren konnte.
Dann verzog ich mich wieder in meine "Höhle".
Ich hatte damals ein Bett, das am Kopfende einen Bettkasten hatte und an der Wand entlang auf der ganzen Länge, wie ein Regal war. Deshalb konnte ich ich mir eine Höhle machen. Ein großes Tuch legte ich auf den Bettkasten und an dem Regal. Darauf legte ich mein Kopfkissen, damit das Tuch nicht hinunterrutschen konnte und so hatte ich einen total abgedunkelten Kopfbereich, in dem ich nichts sehen konnte. Nur auf diese Art war es mir möglich schlafen zu können.

Leider endete diese Angst nicht in der Wohnung, nein, sie verfolgte mich überall dahin, wo es dunkel war, so auch zu der kalten Jahreszeit.
Wenn es morgens zur Schule ging, lief ich unsere kleine Einbahnstraße schnell hinunter, in die Grindelallee, wo es hell und ich nicht der einzige Mensch war.

20. Dezember 2010

Es gab für Pädagogen und Ärzte genug Alarmzeichen, aber damals hat man vielleicht noch weniger richtig hingesehen, wie es heutzutage teilweise zu lesen ist.
Ich fing irgendwann an, mir meine Haare auszureißen, auch bekannt als Trichotillomanie.
Als meine Mutter dies mitbekam, bekam ich wieder ihre großen Hände auf meinem Kopf zu spüren. Von da an, versteckte ich die ausgerissenen Haare unter den Teppich, vor meinem Bett, aber auch die fand sie irgendwann. Wieder folgte nur viele Prügel.

Zitat Anfang: "Das Verhalten des Kindes, das Haareausreißen, darf auf keinen Fall bestraft werden. Eine ständige Bestrafung durch die Eltern führt in jedem Fall wohl zu lebenslang andauernden Minderwertigkeitskomplexen und das Kind fühlt sich nicht mehr von seinen Eltern verstanden. Es ist wichtig, dass sich zwischen Kind und Eltern ein hohes Maß an Vertrauen aufbauen kann, denn nur dann fühlt sich das Kind sicher und nur so kann man erfolgreich eine Verhaltenstherapie ansteuern." Zitat Ende.
Quelle: http://www.trich.de/site/infos/infos_w3.htm

Auf Grund der Prügelstrafe hörte ich damit auf, aber darauf folgte nur eine weitere Auffälligkeit. Ich leckte mir meine Lippen wund. Die Entzündungen dehnten sich bis zum Kinn und unter die Nase aus. Daraufhin bekam ich von meinem Arzt ein Attest, daß ich während der Schulstunden Kaugummi kauen durfte.
Da war es wieder, dass Phänomen, unser Hausarzt und die Lehrer, keine hinterfragte das Verhalten.

21.12.2010

So wuchs man auf, nach außen scheinbar ein normales Familienleben.
Ja, es war die schönste Zeit, wenn wir unter Menschen waren, oder wenn wir Besuch hatten. Dieser war ja nur zu besonderen Anlässen anwesend.
Geburtstage, Weihnachten....
Auf dem Schoß saß ich doch nie, auf einem meiner genetischen elterlichen, dafür waren ja dann Oma, Opa, Onkel und Tante da.
Ich durfte keinen Besuch haben, keine Schulkameraden, oder evtl. Freunde.
Meine Geschwister hatten je einen Freund/Freundin, die erlaubt wurden.
Auch nicht wenn ich Geburtstag hatte.
Mit ca. neun Jahren versuchte ich das erste mal mein Leben zu beenden. Meine Schwester fand mich, mit einem Perlonstrumpf fest um den Hals geknotet und bewußtlos.
Wir behielten es für uns, ich wäre ja doch nur wieder geschlagen worden.

Als sehr traurig empfinde ich heute, dass wir Geschwister nie eine Chance hatten, wirkliche Geschwister zu sein. Auch wir haben keinen Kontakt mehr, niemand kommt damit klar, wie ich meine Kindheit verarbeite.
Meine Nichte schrieb sogar, dass Oma jetzt sehr herzlich geworden ist. Dabei ging es um die Frage ob ich ihr Verzeihen kann um dann meinen Frieden zu machen. Könnte ich nie und umso mehr empfand ich den Satz von meiner Nichte nichts anderes, als ein Schlag ins Gesicht.
Nur weil sie nun herzlich ist, hat sie alle lieb?
Sie wäre ja auch sonst sehr allein, mit 72 Jahren!

Unser Vater hat uns nie geschlagen, aber er hat meinen Bruder und mich missachtet, psychisch gequält und nicht geliebt, im Gegensatz zu unserer Schwester. Sie liebte er, für sie hatte er ihr Abschlusszeugnis gefälscht, damit sie auf ne Schwesternschule gehen konnte um Krankenhausschwester zu werden.

Als ich 14 Jahre alt war, hatten mein Vater und ich mal wieder einen Streit. Wie so oft ging es um die Vergangenheit der Deutschen im Krieg.
Als ich ihm die Geschichte wie wir sie in der Schule lernten erzählte, wurde er sehr sauer und sagte, dies sei eine große Lüge.
Es eskalierte so sehr, dass er mich anschrie und mich aufforderte endlich ruhig zu sein. Als ich auf mein Recht auf eigene Meinung pochte, sagte er zu mir, dass ich froh sein könne, dass ich überhaupt lebe, weil ich nicht gewollt war und eine Abtreibung wie auch eine Geburt das Leben meiner Mutter gefährdete.
Da blieb dann selbst mir, die Sprache weg.

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